Die erste eigene Wohnung: Womit anfangen, wenn das Geld knapp ist
Zum Semesterstart wiederholt sich jedes Jahr dasselbe Schauspiel. Tausende beziehen ihre erste eigene Wohnung oder ihr erstes WG-Zimmer, meist irgendwas zwischen 12 und 25 Quadratmetern, und stehen dann in einem leeren Raum mit einer Frage, auf die weder Abitur noch Bachelor vorbereiten: Was davon, was eine Wohnung braucht, kaufe ich zuerst, wenn das Budget nach Kaution und erster Miete noch dreistellig ist?
Die ehrliche Antwort fängt beim Schlafen an. Eine ordentliche Matratze ist der einzige Einrichtungsgegenstand, der jede Nacht sieben, acht Stunden im Einsatz ist, und der einzige, bei dem sich Sparen körperlich rächt. Sie muss nicht teuer sein, es gibt brauchbare Modelle für gut hundert Euro, aber sie sollte neu sein und zur eigenen Schlafposition passen. Das Bettgestell darunter ist dagegen fast egal, eine Matratze funktioniert notfalls monatelang auf einem Lattenrost auf dem Boden. Nummer zwei auf der Liste ist für alle, die viel am Schreibtisch sitzen, der Stuhl. Wer im Studium täglich vier, fünf Stunden auf einem Küchenstuhl arbeitet, merkt das im Rücken schneller als gedacht.
Für fast alles andere gilt: gebraucht kaufen ist keine Notlösung, sondern die vernünftige Standardoption. Schreibtische, Regale, Kommoden und Küchenzubehör gibt es über Kleinanzeigen, Sozialkaufhäuser und die Zu-verschenken-Kisten der Universitätsstädte in einer Qualität, die mit dem Budget-Segment der Möbelhäuser locker mithält. Massivholz von 1995 überlebt jeden Umzug, die Pressspanplatte vom Discounter meist nicht mal den ersten. Zwei Ausnahmen von der Gebraucht-Regel haben sich bewährt: Matratzen aus hygienischen Gründen und alles Elektrische, bei dem unklar ist, wie es behandelt wurde.
Und dann gibt es eine Kategorie, die auf Budgetlisten nie auftaucht und trotzdem darüber entscheidet, ob sich der Raum nach einem Zuhause anfühlt oder nach einer Zwischenlösung: die Wände. Ein Zimmer, in dem Matratze, Schreibtisch und Regal stehen, ist eingerichtet, aber es sieht aus wie ein Möbellager. Schon ein einzelnes richtiges Bild ändert das. Wer sich die Preise für Wandbilder anschaut, merkt, dass ein ordentliches Motiv auf Leinwand ungefähr so viel kostet wie ein Abend ausgehen, und anders als der Abend hängt es danach jahrelang da. Ein großes Bild wirkt dabei mehr als fünf kleine Poster, das ist die vielleicht wichtigste Einzelerkenntnis fürs erste Einrichten. Die zehn Postkarten mit Washi-Tape kann man trotzdem zusätzlich aufhängen.
Beim Thema Wände lauert allerdings die Mietrecht-Frage, und die klärt man besser vor dem ersten Bohrloch. Dübeln ist in Mietwohnungen grundsätzlich erlaubt, solange es im üblichen Rahmen bleibt, die Löcher müssen beim Auszug in der Regel fachgerecht verschlossen werden. Wer sich das ersparen will oder in einem frisch renovierten Zimmer wohnt, kommt mit Klebenägeln für leichte Bilder und Rahmen erstaunlich weit. Fürs Erste reicht das völlig, die schweren Formate kommen ohnehin erst mit der zweiten oder dritten Wohnung.
In die Erstausstattungs-Rechnung gehören außerdem zwei Posten, die mit Möbeln nichts zu tun haben und trotzdem vor der zweiten Deko-Anschaffung dran sind. Eine private Haftpflichtversicherung kostet Studierende um die fünf Euro im Monat und ist die eine Versicherung, über die sich alle Fachleute einig sind, denn ein umgekipptes Wasserglas auf dem Laptop des Mitbewohners kann sonst teuer werden. Eine Hausratversicherung lohnt dagegen erst, wenn tatsächlich nennenswerter Hausrat vorhanden ist, für die Matratze auf dem Boden und zwei Umzugskartons Bücher braucht sie niemand. Und wer BAföG oder Wohngeld bezieht, sollte die Ummeldung beim Amt nicht aufschieben, weil Fristen hier bares Geld kosten können.
Der nächste unterschätzte Posten ist Licht. Fast jede Studentenbude hat genau eine Deckenlampe, und genau dieses eine kalte Licht von oben macht aus jedem noch so bemühten Zimmer ein Wartezimmer. Zwei zusätzliche Lichtquellen, eine Schreibtischlampe und irgendetwas Warmes in der Sofa- oder Bettecke, verändern den Raum nach Einbruch der Dunkelheit komplett. Gebrauchte Stehlampen kosten auf Kleinanzeigen regelmäßig unter zehn Euro, neue Leuchtmittel in Warmweiß ein paar Euro dazu. Gemessen an der Wirkung ist Licht der günstigste Umbau, den es gibt.
Wer in eine WG zieht, sollte das Budget anders schneiden als Alleinwohnende. Küche, Bad und Wohnzimmer sind meist schon ausgestattet, das eigene Geld fließt komplett ins eigene Zimmer. Das ist eine Chance: Ein einzelner Raum lässt sich auch mit wenig Geld vollständig durchgestalten, und er ist im WG-Alltag Rückzugsort, Arbeitsplatz und Schlafzimmer in einem. Es lohnt sich, diesen einen Raum ernst zu nehmen, statt das Geld in Gemeinschaftsanschaffungen zu stecken, die beim Auszug niemandem mehr gehören.
Ein Rat, der beim Einzug immer zu früh kommt und trotzdem stimmt: nicht alles sofort kaufen. Die Wohnung, die man sich am ersten Tag vorstellt, und die, in der man nach zwei Monaten tatsächlich lebt, unterscheiden sich. Erst nach ein paar Wochen zeigt sich, wo das Licht nachmittags hinfällt, welche Ecke ungenutzt bleibt und ob der Schreibtisch wirklich am Fenster stehen muss. Wer pro Monat eine Anschaffung macht statt alle auf einmal, kauft am Ende passender und verteilt die Kosten nebenbei über das Semester.
Die klassische Budgetfalle ist nämlich weder die Matratze noch der Schreibtisch, sondern der Kleinkram. Duftkerzen, Deko-Figuren, die dritte Zimmerpflanze, das Set bunter Kissenbezüge: Einzeln kostet nichts davon mehr als fünfzehn Euro, zusammen fressen diese Käufe in den ersten Wochen erstaunliche Summen, und ein halbes Jahr später steht die Hälfte davon im Karton. Die Gegenstrategie ist simpel: wenige größere Dinge kaufen, die den Raum tatsächlich verändern, statt vieler kleiner, die ihn füllen. Ein Bild, eine gute Lampe und eine Pflanze schlagen zwanzig Deko-Artikel, in der Wirkung wie im Preis pro Jahr Nutzung.
Zum Schluss eine Beruhigung für alle, die gerade zwischen Kisten sitzen und das Gefühl haben, alle anderen hätten fertige Wohnungen: Das täuschen die Fotos. Die erste eigene Wohnung ist bei fast allen ein Langzeitprojekt, und das ist in Ordnung. Sie muss am Ende des ersten Monats nicht fertig sein, sie muss bewohnbar sein. Eine gute Matratze, ein brauchbarer Stuhl, warmes Licht und ein Bild an der Wand, das man selbst ausgesucht hat, davon ist mehr Zuhause-Gefühl zu erwarten als von jedem durchgestylten Einrichtungsplan. Der Rest kommt mit den Semestern, und ein Teil davon zieht beim nächsten Umzug einfach mit. Genau daran erkennt man übrigens die Anschaffungen, die sich gelohnt haben: Es sind die, die man nicht zurücklässt.
